Direktkauf beim Hersteller: Was Busunternehmer über Polen, Rumänien und die Türkei wissen sollten
Der Preis ist verführerisch. Ein Reisebus-Umbau auf Mercedes-Benz Sprinter-Basis, direkt vom Hersteller in Polen oder der Türkei bestellt, klingt zunächst nach einem echten Schnapper. Kein Zwischenhändler, kein Aufschlag, direkter Kontakt zum Produzenten. Was könnte schiefgehen?
Warum der Direktkauf so verlockend ist – und warum das verständlich ist
Die Preise für Kleinbusse mit Reiseausstattung sind in den letzten sieben Jahren erheblich gestiegen. Ein Mercedes-Benz Sprinter 519 mit 22+1+1 Sitzplätzen, Reisebestuhlung, Klimaanlage, TV, Kühlschrank und Gepäckraum kostet heute zwischen 120.000 und 140.000 Euro netto. Vor 2017 waren das noch rund 85.000 Euro. Die Gründe sind bekannt: gestiegene Fahrgestellpreise, höhere Rohstoffkosten, Lieferkettenprobleme und gestiegene Produktionskosten in ganz Europa.
Da ist es verständlich, dass Busunternehmer, Shuttle-Services und Hotels nach Alternativen suchen. Hersteller aus Polen, Rumänien, Spanien und der Türkei bieten ähnlich ausgestattete Fahrzeuge häufig zu deutlich niedrigeren Preisen an – und vermarkten sich zunehmend direkt an die Endkunden. Das Internet macht das möglich.
Was diese Hersteller dabei oft nicht erwähnen: Was nach dem Kauf passiert, liegt fast ausschließlich beim Käufer.
Die 4 häufigsten Probleme nach dem Direktkauf eines Kleinbusses
Aus unserer langjährigen Erfahrung als Kleinbus-Händler im DACH-Raum kennen wir die Situationen, in die Direktkäufer typischerweise geraten. Hier sind die vier häufigsten:
Problem 1: Die Typzulassung fehlt oder ist unvollständig
Ein Fahrzeug, das in Deutschland, Österreich oder der Schweiz auf öffentlichen Straßen betrieben werden soll, braucht eine gültige Zulassung. Bei umgebauten Fahrzeugen wie Reisebussen auf Sprinter- oder Iveco-Basis ist das komplizierter als bei normalen PKW, weil es sich um mehrstufig gefertigte Fahrzeuge handelt: Das Basisfahrzeug kommt vom Hersteller (Mercedes, Iveco), der Aufbau – also Bestuhlung, Innenausbau, Gepäckabteil – kommt vom Karosseriebauer.
Für die Zulassung brauchen Sie das COC-Dokument (Certificate of Conformity) des Basisfahrzeugs und eine gültige EG-Typgenehmigung für den fertigen Umbau. Fehlt die Typgenehmigung für den Umbau, müssen Sie eine Einzelabnahme beim TUV oder einer anderen anerkannten Stelle durchführen lassen. Das kostet je nach Umfang zwischen 800 und 3.000 Euro und dauert – im besten Fall – mehrere Wochen.
Manche Produzenten liefern Fahrzeuge mit einer Typgenehmigung eines anderen EU-Landes, die in Deutschland nicht ohne weiteres anerkannt wird oder zusätzliche Nachweise erfordert. Das erfahren Käufer häufig erst beim Zulassungsamt.
Problem 2: Garantieleistungen sind im Schadensfall kaum durchsetzbar
Garantie auf den Umbau – also auf Bestuhlung, Innenverkleidung, Elektrik, Gepäckabteil und Einbauten wie Kühlschrank oder TV – ist nicht automatisch dieselbe Garantie wie die des Fahrgestellherstellers. Mercedes-Benz oder Iveco garantieren für das Basisfahrzeug. Alles darüber hinaus garantiert der Karosseriebauer.
Sitzt dieser Karosseriebauer in Polen oder der Türkei und es gibt einen Schaden, müssen Sie das Fahrzeug dorthin transportieren oder auf eigene Kosten reparieren lassen und anschließend auf Erstattung hoffen. In der Praxis endet das oft mit langen E-Mail-Ketten, Sprachbarrieren, und am Ende mit der Erkenntnis, dass der Transport zur Werkstatt mehr kostet als die Reparatur.
Käufer, die über einen deutschen Händler kaufen, haben hier eine entscheidende Absicherung: Der Händler übernimmt die Garantieabwicklung, organisiert Reparaturen im Inland und ist rechtlich für Gewährleistungsansprüche zuständig.
Problem 3: Ersatzteile sind nicht verfügbar oder kommen zu spät
Stellen Sie sich vor: Ihr Shuttle-Bus hat am Freitagabend eine defekte Sitzverriegelung oder ein Problem mit der Bordstromanlage. Am Montag sollen 18 Gäste zum Flughafen. Was tun?
Bei Fahrzeugen von Herstellern mit deutscher oder europäischer Ersatzteillogistik ist das lösbar. Bei Direktimporten aus der Türkei oder von kleineren polnischen Produzenten ohne Lagerhaltung in Deutschland ist es ein ernsthaftes Problem. Lieferzeiten von 2 bis 6 Wochen für Spezialteile sind keine Seltenheit. Ausfallzeiten in dieser Größenordnung können für ein kleines Busunternehmen existenzbedrohend sein.
Problem 4: Kommunikation und Rechtsdurchsetzung über Ländergrenzen hinweg
Wenn beim Direktkauf eines Kleinbusses etwas schiefgeht, stehen Käufer vor einer weiteren Hürde: dem Rechtsweg. Ein Hersteller mit Sitz in der Türkei unterliegt nicht deutschem Recht. Die Durchsetzung von Ansprüchen erfordert internationales Vertragsrecht, möglicherweise einen Anwalt im Herstellungsland und vor allem: Zeit und Geld.
Aber selbst innerhalb der EU ist der Klageweg gegen einen Produzenten in Polen oder Rumänien für ein kleines Busunternehmen in Deutschland meist nicht wirtschaftlich. Die Alternative: selbst zahlen und schweigen.
Was ein seriöser Kleinbus-Händler leisten muss: Ihre Checkliste
Nicht jeder Händler ist gleich. Die folgenden Punkte sollten Sie vor dem Kauf eines Kleinbusses – ob beim Händler oder direkt – klären:
• Liegt eine gültige EG-Typgenehmigung für den fertigen Umbau vor – anerkannt in Ihrem Zulassungsland?
• Wer übernimmt die Garantie auf den Umbau – der Händler oder der Produzent?
• Wo und wie werden Garantiereparaturen durchgeführt? Im Inland oder müssen Sie das Fahrzeug ins Ausland schicken?
• Gibt es eine Ersatzteillagerhaltung in Deutschland, Österreich oder der Schweiz? Was sind die maximalen Lieferzeiten?
• Hat der Händler Erfahrung mit der Zulassung in Ihrem Land (inkl. Kennzeichenrecht, Steuerklassen, technische Vorschriften)?
• Welche Zahlungs- und Lieferbedingungen gelten – und nach welchem Recht?
• Gibt es Referenzkunden in Ihrer Branche, die Sie kontaktieren können?
Wann lohnt sich der Direktkauf – und wann nicht?
Wir wollen fair sein: Der Direktkauf eines Kleinbusses beim ausländischen Hersteller kann sich lohnen. Wer die Zulassungsmaterie kennt, eigene Werkstattkapazitäten hat, mehrere Fahrzeuge kauft und lange Lieferzeiten tolerieren kann, der kann damit Geld sparen.
Für die meisten kleinen Busunternehmen, Shuttle-Services und Hotels sieht die Realität anders aus: Ein Fahrzeug ist betriebskritisch. Ausfallzeiten kosten Geld. Rechtsprobleme kosten Nerven und Geld. Und ein etwas günstigerer Kaufpreis relativiert sich schnell, wenn die erste Reparatur oder die erste Zulassungskorrektur auf eigene Kosten geht.
Die entscheidende Frage ist nicht: Was kostet das Fahrzeug beim Kauf? Sondern: Was kostet es mich, wenn nach dem Kauf etwas nicht funktioniert?
Fazit: Der ehrliche Kostenvergleich
Der Preisunterschied zwischen einem Direktkauf beim ausländischen Produzenten und dem Kauf über einen deutschen Händler liegt typischerweise bei 5.000 bis 15.000 Euro netto, je nach Fahrzeug und Ausstattung. Das ist real und kein Argument, das man wegdiskutieren sollte.
Auf der anderen Seite stehen: Kosten für eine eventuelle Einzelabnahme (800 bis 3.000 Euro), Kosten für Garantiereparaturen, die Sie selbst tragen (je nach Schaden 500 bis 8.000 Euro), Ausfallzeiten durch fehlende Ersatzteile, und der Zeitaufwand für Kommunikation, Zulassung und Rechtsstreit.
Wer diese Kalkulation ehrlich aufstellt, kommt manchmal zum Direktkauf, häufig aber nicht. Was sicher ist: Sie sollten die Entscheidung mit vollständigen Informationen treffen – nicht nur auf Basis des Angebotspreises.
Wenn Sie Fragen zur Zulassung, Garantie oder zum Vergleich konkreter Fahrzeuge haben, stehen wir von Riegobus Ihnen gerne für ein persönliches Gespräch zur Verfügung.

Ihre Expertin für Typgenehmigung, Zulassung, Import und Export
Manuela Waskey
Geschäftsführung
Riegobus GbR

